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Volker Ziegler und DBS Team Juli 2017Volker Ziegler – Interview mit dem Bundestrainer Tischtennis des Deutschen Behindertensportverbandes und Bundesligatrainer der SV Böblingen

Das Foto zeigt Volker Ziegler (hinten links) mit dem Tischtennis-Nationalteam des DBS (Deutscher Behindertensportverband) in Taichung (Taiwan) - Fotoquelle: H. Doesseler

(tho) Von wegen Sommerloch – so richtig Gelegenheit zum Durchschnaufen hat Volker Ziegler auch in diesen Tagen nicht. Gerade kam der Lehenweiler Tischtennistrainer mit der Nationalmannschaft des Deutschen Behindertensportverbandes von einer anstrengenden Asienreise zurück. Auch diesmal wieder medaillenbehangen, die Athleten räumten bei Weltranglistenturnieren in Taiwan und Korea mächtig ab. Nach seiner Rückkehr nahm sich der Bundestrainer dennoch Zeit, um mit unserem Mitarbeiter Thomas Holzapfel auf seine mittlerweile viereinhalbjährige Amtszeit zurückzublicken und zudem den Blick auf die kommenden Herausforderungen zu werfen.

Redaktion: Ist nach einem solchen Trip nicht erst einmal Urlaub angesagt?

Volker Ziegler: Im Grunde ist es momentan illusorisch, an Urlaub zu denken. Kaum sind wir von den Turnieren zurückgekommen, geht es schon wieder darum, internationale Meldetermine für kommende Veranstaltungen einzuhalten, Nominierungen vorzunehmen und so weiter. Dennoch werde ich versuchen, in der kommenden Woche frei zu nehmen und ein paar Tage auszuspannen.

Redaktion: Seit mittlerweile viereinhalb Jahren stehen Sie als Tischtennis-Bundestrainer beim Deutschen Behindertensportverband in der Verantwortung.

Ziegler: Ja, meine Vorgänger waren in der Regel lediglich zwei Jahre lang im Amt. Diesbezüglich bin ich eigentlich schon längst überfällig (lacht). Aber derzeit passt es. Mein Vierjahres-Vertrag, der bis Ende 2018 datiert war, wurde mittlerweile entfristet. Beide Seiten, der Verband und auch ich, sind der Meinung, dass die Zusammenarbeit hervorragend läuft. Diese Aktion hat vor allem symbolischen Charakter, zeugt aber von einer gesunden Vertrauensbasis der Vertragspartner.

Redaktion: Das sieht gerade so aus, dass wir Sie in dieser Position noch lange sehen werden.

Ziegler: Ich war noch nie ein Job-Hopper. Schließlich war ich zuvor auch siebzehn Jahre Landestrainer in Baden-Württemberg. Allerdings hinterfrage ich mich jährlich, ob der aktuelle Aufgabenbereich das spannendste Projekt ist. Und die Rahmenbedingungen können sich auch mal ändern. Zuletzt waren jedoch überwiegend positive Veränderungen zu verzeichnen, vor allem struktureller Art.  

Redaktion: …die da wären? 

Ziegler: Der Behindertensport entwickelt sich sehr stark in Richtung Professionalisierung und absolutem Leistungssport, dem muss Rechnung getragen werden. Ohne eine gute Verbandsstruktur kann man langfristig keinen Erfolg haben. Diesbezüglich haben wir zuletzt einiges erreicht. Für den Nachwuchs wurde der C-Kader eingeführt mit dem Ziel, die Talente an den Erwachsenensport heranzuführen. In allen größeren Bundesländern haben wir hauptamtliche Landestrainer eingestellt, das ist ein Riesenfortschritt. Zudem wird auf unserer Geschäftsstelle in Frechen bei Köln professionelle und engagierte Arbeit geleistet. Last but not least hat sich die finanzielle Situation verbessert. Im Vergleich zum Jahr 2013 arbeiten wir inzwischen mit einem drei Mal so hohen Budget.

Redaktion: Wie kam das zu Stande?

Ziegler: Zum einen steht der Behindertensport mehr und mehr im Fokus, zum anderen wird das Geld auch nach Erfolgskriterien verteilt. Und hier konnten wir zuletzt einiges aufweisen. Mehr Budget bedeutet im Umkehrschluss aber auch mehr Lehrgänge, eine höhere Belastung für die Spieler und Betreuer, eine erhöhte Erwartungshaltung seitens der Öffentlichkeit und insgesamt einen immensen Mehraufwand. Ich bin aber der Meinung, dass wir mit einem engagierten Team die Voraussetzungen erfüllen, um dem Erfolgsdruck Stand zu halten.

Redaktion: Auf welche sportlichen Höhepunkte blicken Sie am liebsten zurück?

Ziegler: Natürlich waren die Welt- und Europameisterschaften sowie die Paralympics in Rio de Janeiro richtige Highlights. Doch wer mich kennt, weiß, dass derartige Massenveranstaltungen eigentlich nicht so mein Ding sind. Aus sportlicher Sicht begeisterte mich vor allem die diesjährige Team-WM in Bratislava, als wir mit einem Nachwuchsteam die Reise antraten und vor allem das Ziel verfolgten, Erfahrungen zu sammeln. Eine Medaille hatte ich als Ziel ausgegeben, über eine zweite hätte ich mich richtig gefreut. Am Ende gab es für unser Team gleich fünf Mal Edelmetall. Sozusagen „aus der Hosentasche heraus gespielt“, das war schon besonders.  

Redaktion: Welche Veranstaltung rückt als nächstes in den Fokus?

Ziegler: Ende September geht es zu den Europameisterschaften ins slowenische Lasko, wo wir mit insgesamt siebzehn Akteuren im Einzel- und Teamwettbewerb antreten werden. Dabei gehen Medaillenanwärter genauso ins Rennen wie ambitionierte junge Perspektivathleten. Schließlich müssen wir fortwährend am Generationswechsel arbeiten. Und langfristig geht der Blick nach Tokio, wo im Jahr 2020 die nächsten Paralympischen Spiele stattfinden werden. Aus diesem Grund absolvierten wir nun die Turniere in Taiwan und Korea. Wir trafen dabei auf asiatische Spitzenspieler und sammelten wertvolle Erfahrungen in Bezug auf die klimatischen, kulturellen, organisatorischen und ernährungstechnischen Rahmenbedingungen in Asien. Vermutlich wird dies im kommenden Jahr wiederholt.

Redaktion: Ist das manchmal nicht etwas zu viel Reiserei für den Bundestrainer?

Ziegler: Eindeutig ja. In den Metropolen dieser Welt aus dem Flugzeug zu purzeln, ist jetzt nicht gerade mein bevorzugter Reisestil. Da hat das beschaulichere Tempo in Lehenweiler viel mehr Lebensqualität. Auch aus diesem Grund bin ich froh, ein engagiertes Co-Trainerteam um mich herum zu haben, das auch mal einspringen kann, wenn es darum geht, unser deutsches Team bei einem internationalen Turnier zu betreuen. Schließlich müssen alle in der Lage sein, das Team auf Turnieren zu führen. Ich muss ja auch ersetzbar sein.

Redaktion: Mit Momcilo Bojic steht seit April in Baden-Württemberg ein renommierter Trainer zur Verfügung. 

Ziegler: Ja, ich bin froh, dass wir Mozza für uns gewinnen konnten. Er ist in unterschiedlichen Trainerfunktionen täglich für den Tischtennissport unterwegs, auch viel bei den „Wenigerbehinderten“, wie ich die sogenannten Nichtbehinderten gerne nenne. Seine langjährige Erfahrung hilft uns im Behindertensportverband enorm, hier können Synergien geschaffen werden.

Redaktion: Gibt es Talente aus dem hiesigen Bezirk, die in der Zukunft in den Vordergrund rücken können?

Ziegler: Natürlich gehen unsere Trainer mit offenen Augen durch die Sporthallen. Schließlich gibt es vielerorts Tischtennisspieler, die mit einem Handicap den Sport betreiben und durchaus die Möglichkeit hätten, sich unserem Team anzuschließen. Das muss ja nicht gleich die Nationalmannschaft sein. Aus dem Bezirk fallen mir spontan Alexandros Kalpakidis und Celine Pistora ein. Die junge Böblingerin hat zuletzt große Fortschritte gemacht, sie ist mir schon ein paar Mal positiv aufgefallen.

Redaktion: Abseits der Hauptfunktion als Bundestrainer: Wieviel Zeit bleibt da noch für die Ausübung des Traineramts bei den Böblinger Bundesligafrauen? Wie oft sitzen Sie in der kommenden Spielzeit an der Spielfeldumrandung?

Ziegler: Immer und sehr gerne, wenn ich Zeit habe. Realistisch ist dies, wie in der vergangenen Spielzeit auch, aber nur bei ungefähr einem Drittel der Spiele. Mit Andrzej Kaim habe ich einen sehr engagierten Kollegen in Böblingen, der bereits seit über einem Jahr die Hauptverantwortung übernommen hat. Darüber bin ich sehr glücklich, denn ich bin bei den SVB-Damen leider zeitlich bedingt ein langsam ausschleichendes Modell.

Redaktion: Welche Rolle trauen Sie dem SVB-Quartett in der kommenden Saison zu?

Ziegler: Wir spielen traditionell mit einer Mannschaft, in der junge Spielerinnen sich um die junggebliebene Hongi Gotsch scharen und von ihrer Erfahrung profitieren. Auch traditionell ist, dass diese Spielerinnen charakterlich alle tolle Sportsfrauen und Menschen sind, mit denen es unheimlich Spaß macht, zu arbeiten. Dies ist auch der Grund dafür, dass wir wie in der vergangenen Saison mit Platz vier am Ende Mannschaften mit deutlich höherem Etat hinter uns ließen. So ähnlich wollen wir das wieder versuchen, ohne uns auf Platzierungen festzulegen.

Redaktion: Recht herzlichen Dank für das Gespräch! 

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